Zwei Menschen sitzen im selben Arztzimmer. Das Telefon klingelt, mehrere KollegInnen sprechen gleichzeitig, ständig kommt jemand zur Tür herein und nebenbei müssen Befunde geschrieben, Angehörige informiert und Entscheidungen getroffen werden. Für die eine Person ist das einfach ein normaler Arbeitstag. Für die andere entsteht daraus massiver Stress.
Genau an diesem Punkt wird sichtbar, warum Stress nicht einfach nur „von außen“ kommt.
Denn zwischen dem Stressor und der eigentlichen Stressreaktion liegt noch ein entscheidender Zwischenschritt: unsere innere Bewertung.
Warum derselbe Stressor Menschen unterschiedlich belastet
In den letzten Folgen von Cortisol und Kaffee ging es bereits um die Stresskaskade. Also um die drei Faktoren, die letztlich darüber entscheiden, ob aus einer Situation überhaupt Stress entsteht: der Stressor, die innere Bewertung und die Stressreaktion.
Gerade die innere Bewertung wird dabei häufig unterschätzt. Viele Menschen erleben Stress so, als würde er einfach passieren. Da ist ein Konflikt, Zeitdruck, Kritik oder Reizüberflutung – und plötzlich fühlt sich alles angespannt an. Tatsächlich bewertet unser Gehirn aber permanent Situationen. Es prüft innerhalb von Sekunden: Ist das gefährlich? Bin ich dem gewachsen? Habe ich genug Ressourcen? Kann ich die Situation kontrollieren?
Und genau diese Bewertung beeinflusst maßgeblich, wie stark unser Stresssystem aktiviert wird.
Freud, Adler und Lazarus – warum ihre Ideen bis heute wichtig sind
Die Vorstellung, dass nicht nur äußere Ereignisse unser Erleben bestimmen, ist keineswegs neu. Schon Sigmund Freud beschäftigte sich Anfang des 20. Jahrhunderts intensiv mit inneren psychischen Konflikten. Sigmund Freud war Neurologe und Begründer der Psychoanalyse. Er ging davon aus, dass viele psychische Symptome und emotionale Reaktionen durch unbewusste Konflikte entstehen. Dinge also, die uns selbst oft gar nicht bewusst zugänglich sind.
Für Freud standen dabei vor allem innere Spannungen, verdrängte Konflikte und frühe Kindheitserfahrungen im Mittelpunkt. Seine Sichtweise war stark konflikttheoretisch geprägt: Der Mensch trägt innere Widersprüche in sich, die psychischen Druck erzeugen können.
Alfred Adler, ursprünglich ein Weggefährte Freuds, entwickelte später einen deutlich anderen Ansatz. Auch Adler war Arzt und Psychotherapeut, distanzierte sich aber zunehmend von Freuds Fokus auf Triebe und Konflikte. Stattdessen interessierte ihn viel stärker, wie Menschen ihre Umwelt subjektiv wahrnehmen und welche Bedeutung sie ihrem eigenen Leben geben.
Adler ging davon aus, dass Menschen weniger von ihren vergangenen Konflikten bestimmt werden als von ihren Zielen, Überzeugungen und ihrem persönlichen Lebensstil. Besonders wichtig war für ihn das Gefühl von Zugehörigkeit, Selbstwert und subjektiv erlebter Minderwertigkeit. Menschen entwickeln laut Adler individuelle Strategien, um mit Unsicherheit, Schwäche oder Belastungen umzugehen.
Und genau an diesem Punkt wird die Verbindung zum modernen Stressverständnis spannend. Denn Richard Lazarus griff Jahrzehnte später viele dieser Gedanken auf und überführte sie in die wissenschaftliche Stressforschung. Sein transaktionales Stressmodell beschreibt Stress nicht einfach als automatische Reaktion auf einen äußeren Reiz, sondern als Zusammenspiel zwischen Situation und individueller Bewertung.
Damit wurde verständlich, warum dieselbe Situation bei unterschiedlichen Menschen völlig unterschiedliche Stressreaktionen auslösen kann.
Warum unser Gehirn nie neutral bewertet
Das Schwierige daran ist: Diese Bewertungen laufen meist automatisiert ab. Erfahrungen, Erziehung, frühere Belastungen, Perfektionismus, Ängste oder innere Glaubenssätze wirken im Hintergrund mit.
Viele Menschen tragen unbewusst Sätze in sich wie:
„Ich darf keine Fehler machen.“
„Ich muss funktionieren.“
„Ich darf niemanden enttäuschen.“
„Ich bin nur wertvoll, wenn ich Leistung bringe.“
Solche inneren Überzeugungen beeinflussen massiv, wie unser Gehirn Situationen interpretiert. Genau deshalb können manche Menschen schlecht abschalten, fühlen sich ständig verantwortlich oder erleben selbst kleine Fehler als enorme Belastung.
Die Situation allein erklärt also oft nicht die Stärke der Stressreaktion.
Die Adlerperspektive: Warum Abstand oft hilft
Im Podcast sprechen wir deshalb über die sogenannte Adlerperspektive. Gemeint ist damit kein psychotherapeutisches Konzept von Alfred Adler, sondern das Bild, innerlich wie ein Adler etwas Abstand zur eigenen Situation zu gewinnen und von oben auf das Geschehen zu schauen.
Denn mitten in einer Stressreaktion wird unser Blick häufig extrem eng. Alles wirkt gleichzeitig wichtig, dringlich und emotional aufgeladen. Genau dadurch verlieren wir oft den Überblick.
Die Adlerperspektive hilft dabei, innezuhalten und sich Fragen zu stellen wie: Was genau stresst mich hier eigentlich? Wie bewerte ich die Situation gerade? Ist sie tatsächlich so bedrohlich, wie sie sich anfühlt? Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich überhaupt?
Allein dieser kleine Perspektivwechsel verändert häufig bereits etwas im Stresssystem. Nicht, weil das Problem plötzlich verschwindet, sondern weil das Gehirn wieder mehr Übersicht und Handlungsspielraum wahrnimmt.
Warum moderne Arbeitswelten Stress verstärken
Gerade im medizinischen Alltag wird deutlich, wie stark äußere Bedingungen das Stressniveau beeinflussen können. Viele Menschen arbeiten heute unter Bedingungen permanenter Unterbrechung. Telefonate, E-Mails, Dokumentation, Gespräche, Rückfragen und parallele Aufgaben fragmentieren die Aufmerksamkeit ständig.
Das Problem ist dabei nicht nur die Menge der Arbeit. Sondern die Tatsache, dass das Gehirn sich immer wieder neu orientieren muss. Genau diese Fragmentierung der Arbeitszeit erhöht nachweislich mentale Belastung und subjektiven Stress.
Im Podcast beschreiben wir beispielsweise Situationen aus dem Klinikalltag, in denen mehrere Menschen gleichzeitig in einem kleinen Arztzimmer arbeiten, telefonieren oder Gespräche führen. Für manche ist das kaum belastend. Für andere wird genau diese Umgebung zu einem massiven Stressor.
Auch hier zeigt sich wieder: Stress entsteht aus dem Zusammenspiel von äußerer Situation und innerer Verarbeitung.
Warum es keine universellen Lösungen gibt
Natürlich gibt es Zeitmanagement-Tools, To-do-Listen und Produktivitätsmethoden. Manche Menschen profitieren enorm davon. Andere empfinden genau diese Systeme als zusätzlichen Stress.
Gerade bei ADHS wird oft deutlich, dass klassische Strukturierungsstrategien nicht automatisch funktionieren. Zeitblindheit, Hyperfokus, Impulsivität oder Reizoffenheit verändern die Art, wie Stressoren erlebt werden. Deshalb gibt es im multimodalen Stressmanagement keine perfekte Patentlösung.
Entscheidend ist nicht, welches System theoretisch ideal klingt. Entscheidend ist, was tatsächlich zur eigenen Persönlichkeit, zum eigenen Alltag und zum eigenen Gehirn passt.
Warum Beobachtung oft wichtiger ist als schnelle Veränderung
Viele Menschen wollen Stress möglichst schnell beseitigen. Verständlicherweise. Trotzdem beginnt Veränderung häufig zunächst mit Beobachtung.
Welche Situationen tauchen immer wieder auf? Welche Stressoren kosten besonders viel Energie? Welche Gedanken laufen automatisch ab? Wo entstehen immer dieselben Muster?
Erst wenn diese Zusammenhänge sichtbar werden, entsteht überhaupt die Möglichkeit, gezielt etwas zu verändern. Genau darum geht es im multimodalen Stressmanagement: nicht um Schuld oder Selbstoptimierung, sondern darum, eigene Muster besser zu verstehen und bewusster mit Stress umzugehen.
Was du aus dieser Folge mitnehmen kannst
Stress entsteht nicht allein durch äußere Belastungen. Entscheidend ist auch, welche Bedeutung unser Gehirn einer Situation gibt. Deshalb erleben Menschen dieselben Stressoren oft völlig unterschiedlich.
Die innere Bewertung ist dabei keine Schuldfrage.
Sie zeigt vielmehr, wo Handlungsspielraum entstehen kann. Und genau dort beginnt häufig nachhaltige Veränderung.
FAQ
Was bedeutet innere Bewertung bei Stress?
Die innere Bewertung beschreibt die persönliche Einschätzung einer Situation. Sie beeinflusst maßgeblich, ob unser Gehirn etwas als belastend oder kontrollierbar erlebt.
Warum reagieren Menschen unterschiedlich auf Stress?
Weil Erfahrungen, Persönlichkeit, Glaubenssätze, aktuelle Belastungen und neurobiologische Unterschiede die Bewertung beeinflussen.
Was ist die Stresskaskade?
Die Stresskaskade beschreibt den Ablauf von Stress über drei Ebenen: Stressor, innere Bewertung und Stressreaktion.
Was bedeutet Adlerperspektive?
Die Adlerperspektive beschreibt bildlich, innerlich Abstand zur Situation zu gewinnen und sie aus einer höheren Perspektive zu betrachten.
Warum sind Unterbrechungen so belastend?
Häufige Unterbrechungen fragmentieren Aufmerksamkeit und Konzentration. Das erhöht mentale Belastung und subjektiven Stress deutlich.
Wie hängt ADHS mit Stress zusammen?
Menschen mit ADHS erleben häufig zusätzliche Stressoren wie Reizüberflutung, Zeitblindheit oder Impulsivität. Dadurch entstehen oft intensivere Stressreaktionen.
Weiterführende Quellen
Lazarus RS, Folkman S — Stress, Appraisal, and Coping
Grundlagenwerk zum transaktionalen Stressmodell. Beschreibt die zentrale Rolle der Bewertung bei Stress.
McEwen BS — Protective and Damaging Effects of Stress Mediators
Erklärt die biologischen Auswirkungen akuter und chronischer Stressreaktionen.
Mark G, Gudith D, Klocke U — The Cost of Interrupted Work: More Speed and Stress
Zeigt die Auswirkungen häufiger Unterbrechungen auf Konzentration, Stress und Arbeitsleistung.
Barkley RA — Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment
Standardwerk zu ADHS mit Fokus auf Selbstregulation, Aufmerksamkeit und Stressverarbeitung.
Adler A — Understanding Human Nature
Beschreibt subjektive Lebensstile, individuelle Bedeutung und psychologische Verarbeitung sozialer Erfahrungen.
Freud S — The Ego and the Id
Klassisches Werk zu inneren psychischen Konflikten und unbewussten psychischen Prozessen.


0 Kommentare