Folge 8: Vom Täter zum TEDx-Talk – Warum Stress nicht immer von außen kommt

4. Mai 2026 | 0 Kommentare

Diese Folge ist anders. Sie ist persönlicher, direkter und vielleicht auch unbequemer als die bisherigen. Ausgangspunkt ist kein theoretisches Modell, sondern ein Kommentar, der genau den wunden Punkt trifft:

Wenn wir über Stress sprechen und darüber, was wir selbst verändern können, entsteht schnell der Eindruck, wir würden Täter entlasten und Verantwortung verschieben.

Genau das wollen wir hier klären, weil es ein Missverständnis ist, das immer wieder auftaucht und das man nicht einfach stehen lassen sollte.

Worum es uns wirklich geht und worum nicht

Multimodales Stressmanagement bedeutet nicht, dass Menschen sich anpassen sollen, egal wie ungünstig die Umstände sind. Es bedeutet auch nicht, dass jemand, der unter echten belastenden oder sogar gewaltvollen Situationen leidet, einfach „an sich arbeiten“ soll.

Es gibt klare Situationen, in denen Verantwortung eindeutig im Außen liegt, und das wird weder relativiert noch infrage gestellt.

Gleichzeitig gibt es aber einen großen Bereich dazwischen, in dem Stress nicht ausschließlich von außen bestimmt wird, sondern aus einem Zusammenspiel entsteht. Genau dort liegt der Ansatzpunkt, über den wir sprechen, und genau dort entsteht oft die größte Verwirrung.

Der Gedanke vom Täter und warum er zu kurz greift

Es gibt Stressoren, die eindeutig sind. Situationen, in denen jemandem Unrecht widerfährt, in denen Gewalt, Druck oder strukturelle Probleme eine Rolle spielen. In solchen Fällen ist es nicht sinnvoll, über persönlichen Anteil zu sprechen, sondern über Schutz, Grenzen und Veränderung im Außen.

Aber nicht jede Stressreaktion hat einen klaren Täter. Viele Stressoren entstehen im Alltag, in Entscheidungen, in Erwartungen, in Situationen, die zunächst harmlos wirken und trotzdem große Wirkung entfalten. Wenn man alles unter dem Begriff Täter zusammenfasst, wird dieser Unterschied unscharf und genau dort geht häufig der Blick für die eigenen Handlungsmöglichkeiten verloren.

Warum Selbstwirksamkeit nichts mit Schuld zu tun hat

Ein zentraler Punkt dieser Folge ist die Trennung zwischen Schuld und Verantwortung. Schuld ist oft ein emotional aufgeladenes Konzept, das schnell in eine Sackgasse führt.

Verantwortung dagegen eröffnet Handlungsspielraum.

Selbst wenn ein Stressor nicht von dir verursacht wurde, kannst du dich fragen, was dir in dieser Situation hilft. Nicht, weil du schuld bist, sondern weil du dir selbst wieder mehr Einfluss zurückgeben willst. Genau das ist der Kern von Selbstwirksamkeit, und genau das wird häufig missverstanden.

Das persönliche Beispiel: mein TEDx-Talk

Am deutlichsten wird dieses Spannungsfeld an einem sehr konkreten Beispiel.

Ich durfte meine Botschaft in Form eines TEDx-Talks auf die Bühne bringen. (Ein TEDx Talk ist ein lokal organisiertes Event im TED-Format, bei dem Sprecher ihre Ideen in kurzen, prägnanten Vorträgen präsentieren. Ziel ist es, inspirierende Gedanken verständlich und wirkungsvoll zu vermitteln („ideas worth spreading“).)

Mein TEDx-Talk war kein äußerer Zwang, kein klassischer Stressor von außen, sondern eine selbst getroffene Entscheidung. Eine impulsive Zusage, getragen von Motivation, Neugier und vielleicht auch einem gewissen Anspruch an mich selbst.

Was danach folgte, war massiver Stress. Wochen voller Anspannung, hoher Erwartung an meine eigene Leistung, Perfektionismus und der Wunsch, alles richtig zu machen. Niemand hat diesen Druck von außen aufgebaut. Er entstand aus meinen inneren Antreibern, aus meinen eigenen Vorstellungen und aus meinem Umgang mit dieser Situation.

Und genau hier wird der Unterschied sichtbar. Der Stressor war die Bühne, zum Stress hat aber erst meine innere Bewertung geführt.

Der Stress entstand aus der Kombination von Entscheidung, Anspruch und innerer Bewertung.

Warum genau dieser Unterschied so wichtig ist

Wenn man jeden Stress automatisch einem äußeren Täter zuschreibt, verliert man die Möglichkeit, solche Dynamiken zu erkennen. Dann bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Außen verändert, und genau das passiert oft nicht.

Wenn man dagegen erkennt, dass es auch selbst erzeugte oder mitgestaltete Stresssituationen gibt, entsteht Handlungsspielraum. Nicht in dem Sinne, dass man alles kontrollieren kann, sondern in dem Sinne, dass man bewusst entscheiden kann, welchen Preis man für bestimmte Dinge zahlen möchte.

Warum Beobachtung der erste Schritt ist

Bevor sich etwas verändern kann, braucht es Klarheit. Das bedeutet nicht Analyse bis ins letzte Detail, sondern ein erstes bewusstes Wahrnehmen.

Welche Situationen belasten dich immer wieder?

Wo reagierst du besonders stark?

Und wo entsteht Stress vielleicht nicht nur durch das, was passiert, sondern durch das, was du daraus machst?

Diese Beobachtung ist kein Urteil, sondern eine Grundlage. Sie schafft Überblick und genau daraus entsteht die Möglichkeit, später gezielter zu handeln.

Was multimodales Stressmanagement hier wirklich bedeutet

Multimodales Stressmanagement heißt nicht, alles auf eine Ebene zu reduzieren. Es bedeutet, mehrere Ebenen gleichzeitig zu betrachten. Den Stressor, die Bewertung und die Reaktion.

In manchen Situationen liegt der Fokus klar auf dem Außen. In anderen auf der inneren Verarbeitung. Oft ist es eine Mischung aus beidem. Entscheidend ist nicht die richtige Theorie, sondern die Passung zur eigenen Realität.

Was du aus dieser Folge mitnehmen kannst

Nicht jeder Stress hat einen Täter, auch wenn sich das manchmal so anfühlt. Es gibt Situationen, in denen äußere Faktoren dominieren, und andere, in denen der eigene Anteil größer ist, als man zunächst denkt.

Selbstwirksamkeit bedeutet nicht Schuld, sondern die Möglichkeit, Einfluss zurückzugewinnen. Und genau darin liegt oft der größte Hebel für Veränderung.

Am Ende geht es nicht darum, perfekt mit Stress umzugehen oder jede Situation zu kontrollieren.

Es geht darum, zu verstehen, wo du etwas tun kannst und wo nicht, und daraus Entscheidungen zu treffen, die sich langfristig für dich richtig anfühlen.

Weiterführende Quellen

Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change

→ Zeigt, dass wahrgenommene Selbstwirksamkeit entscheidend dafür ist, wie Menschen mit Belastung umgehen

Perceived control and stress: a review of evidence

→ Belegt, dass wahrgenommene Kontrolle Stressreaktionen stark beeinflusst

Learned helplessness theory

→ Erklärt, warum fehlender Handlungsspielraum zu passivem Stressverhalten führt

FAQ

Was bedeutet „Täter“ im Zusammenhang mit Stress?

Der Begriff beschreibt Situationen, in denen ein äußerer Faktor klar für Stress verantwortlich ist, etwa durch Druck, Konflikt oder Gewalt. Nicht jeder Stress hat jedoch einen eindeutigen Täter.

Heißt das, ich bin selbst schuld an meinem Stress?

Nein. Es geht nicht um Schuld, sondern um Einfluss. Auch wenn ein Stressor von außen kommt, kannst du oft entscheiden, wie du damit umgehst.

Warum ist der eigene Anteil überhaupt wichtig?

Weil er der Bereich ist, in dem Veränderung möglich wird. Ohne diesen Blick bleibt man oft in der Abhängigkeit vom Außen.

Was ist der Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung?

Schuld bewertet die Vergangenheit. Verantwortung eröffnet Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft.

Warum kann eine eigene Entscheidung so viel Stress auslösen?

Weil Erwartungen, Perfektionismus und innere Antreiber eine Situation stark beeinflussen können, auch wenn sie freiwillig gewählt wurde.

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Diese Folge kannst du dir hier anhören:

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